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# steffenball   

Veröffentlicht am 13. November 2022

Heute ist Volkstrauertag. Hier meine Rede, die ich heute auf dem Friedhof halten konnte

Heute ist Volkstrauertag. Hier meine Rede, die ich heute auf dem Friedhof halten konnte.


„Immer zwei Sonntage vor dem ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt, deren wir gedenken wollen.
Viele Millionen Opfer der beiden Weltkriege haben uns gelehrt, nicht zu vergessen.
Wir denken heute aber auch an die Opfer aus unserem Land und vielen anderen Ländern, die die Kämpfe und Gewaltausbrüche unserer unmittelbaren Gegenwart fordern.
Und wir denken darüber nach, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir als Bundesrepublik Deutschland, aber auch jede und jeder ganz persönlich, in einem freien und eigentlich friedlichen Europa für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können.

Sehen wir diesen Tag als Tag der Trauer und der Mahnung, aber auch als Tag der Hoffnung auf Versöhnung und Verpflichtung für die Zukunft.
Wir erinnern heute an die schlimmsten Zeiten deutscher Geschichte, an die beiden Weltkriege und besonders die Nazidiktatur.
Der Zweite Weltkrieg mit über 55 Millionen Toten – Soldaten, Zivilistinnen, ermordete jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürgern, Opfer des Luftkriegs, Geflüchtete und Heimatvertriebene – war der größte und blutigste zusammenhängende Konflikt in der Geschichte der Welt.

An seinem Ende lag ein ganzer Kontinent in Trümmern und wurde bald danach durch den so genannten Eisernen Vorhang geteilt.
Als dann der Kalte Krieg zwischen Ost und West nach vier Jahrzehnten 1989 zu Ende ging, und die Mauer als „das“ Zeichen für Unterdrückung, Gefangenschaft und Androhung von Gewalt fiel, dachten wir, dass nun endlich Friede sei.

Aber wie stellt sich die Welt nach den Jahrhundertkriegen im Jahr 2022 dar?
Erschreckende Aktualität: der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist direkt vor unsere Haustür vorgerückt.
Wir sind zwar nicht aktive Kriegspartei, aber mittendrin in dem schwierigen Konflikt: Lieferung von Waffen, Unterstützung bei der Ausbildung von Militärs und nicht zuletzt die Aufnahme der geflüchteten Menschen.
Heute können wir nicht voraussagen, was im Verlauf der nächsten Monate oder Jahre noch passiert, wie die Aggression endet, und wie die Welt danach aussieht.
Fakt ist, dass dieser Krieg ökonomische, ökologische, politische und gesellschaftliche Folgen für die Bevölkerung in unserem Land und in ganz Europa haben wird. Die Gefährdung des sozialen Friedens ist real.
Hinzu kommt eine brisante Weltlage, in der sich immer mehr autokratische Systeme und diktatorische Staatslenker ausformen.
Das alles macht vielen Menschen nachvollziehbar Angst.

Kriege, Gewaltausbrüche und terroristische Bedrohung sind leider überall präsent. Wir erinnern beispielsweise an die Fernsehbilder aus Paris, Nizza, London und Berlin – an Hanau; an den seit Jahren anhaltenden Bürgerkrieg in Syrien und die Schreckensherrschaft der Terroristen des so genannten Islamischen Staates in den Staaten des Nahen Ostens.
Nach wie vor sind viel zu viele Menschen Opfer von Krieg, Terror und Blutvergießen.
Angesichts anhaltender Konflikte müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir genug tun und ob wir vor allem das Richtige tun, um Krieg, Gewalt und Terror heute und künftig zu vermeiden.

Neben der offensichtlichen Gewalt gibt es noch weitere Schrecken von Kriegen – und zwar unabhängig davon, in welcher Epoche und welchem Jahrhundert.
Aktuell sind neben Ukrainerinnen und Ukrainern mehrere Millionen Menschen auf der Suche nach einer sicheren Herberge in ihren Nachbarstaaten oder in den Staaten der europäischen Union.

Hier bei uns in Heusenstamm haben beispielsweise Menschen aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Irak und Eritrea im besten Wortsinn Zuflucht in den verschiedenen Unterkünften in der Stadt sowie eigene Wohnungen gefunden.
Und ich kann mir gut vorstellen, dass viele der zu uns gekommenen Menschen viel lieber friedlich in ihrem Heimatland weitergelebt hätten.
Wir sollten mit ihnen reden, und sie sollten uns von ihren Schicksalen erzählen.

Meine Damen und Herren,
der Volkstrauertag erinnert und mahnt uns an viele Dinge, die inzwischen zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft gehören.
Gerade wir Deutschen wissen aus unserer Geschichte sehr genau, dass Freiheit und Demokratie nicht von alleine entstehen und nicht von allein erhalten bleiben. Beide brauchen Menschen, die sie erkämpfen und bewahren, die sie schützen und stärken.
Die Werte, die wir schätzen und die die Grundlage unserer Gesellschaft bilden, sie sind keine selbstverständlichen Güter.
Wir alle sind aufgefordert unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder persönlichen Weltanschauung entscheidend. Im Kleinen wie im Großen.
Die Botschaft „Nie wieder!“ muss von einem Gedenktag wie diesem ausgehen, und wir müssen aus den Lektionen des 20. Jahrhunderts und von heute lernen.
Wir müssen rechtzeitig erkennen, wenn Bürgerrechte ausgehöhlt und Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wir dürfen menschlichem Leid gegenüber nie gleichgültig sein und müssen dort mutig einschreiten, wo Mitmenschen unsere Hilfe brauchen.

Zivilcourage ist nicht nur ein Wort – es ist ein Lebenszeichen einer menschlichen Gesellschaft.
All dies wollen wir uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.
Ich danke dem VdK Ortsverband Heusenstamm für die Organisation und Ausrichtung sowie der Stadtkapelle Heusenstamm und der Evangelischen Kantorei für das musikalische Umrahmen dieser Gedenkfeier.

Mein Dank geht auch an Dekan Held für das Gebet und an die Reservistenkameradschaft Offenbach e. V. sowie an die Feuerwehr für ihre Unterstützung.“


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